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Sprich mit mir

Die Geschichte von Sam. Aufgeschrieben von T.C. Boyle.

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Das Denken? Die Sprache? Vorausschauendes Handeln? Beim direkten Vergleich mit Nacktschnecken und Würfelquallen mag die Antwort vielleicht noch einfach sein, aber wie sieht der Vergleich mit Menschenaffen aus? Nehmen wir als Beispiel einen Schimpansen, und damit die Geschichte ein wenig persönlicher wird, nennen wir ihn Sam. Sams DNA divergiert nur etwa 1,5 % von menschlichem Erbgut. Also sollte die Kommunikation mit ihm doch klaglos funktionieren, oder?

In T.C. Boyles neuem Roman geht es um all diese Fragen – um Identität, Bewusstsein und die Frage, wie weit Experimente im Zeichen der Forschung gehen dürfen. Es ist keine amüsante Geschichte, die Boyle erzählt, vielmehr eine todtraurige und mitfühlende, die einmal mehr das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen und zur Natur in den Mittelpunkt stellt.
‚Sprich mit mir‘ spielt in den 1970ern. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Verhaltensforscherin Jane Goodall ihre Studien im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania weit vorangetrieben und ihre Erkenntnisse über das Sozialleben von Schimpansen bereits publiziert hatte. Menschenaffen waren als Forschungsprojekte längst etabliert. Vor allem die Erforschung des Spracherwerbs bei Primaten war ein beliebtes Thema, obwohl es den Aussagen des Linguisten Noam Chomsky widersprach, der davon ausging, dass nur Menschen imstande seien, nach im Gehirn verankerten Regeln sinnvolle Wortfolgen zu bilden und entsprechend dieser Regeln über Sprache zu kommunizieren.

Und so wird auch Sam zu einem Forschungsobjekt. Er wächst auf der Ranch des ehrgeizigen Wissenschafters Guy Schermerhorn, Privatdozent am Institut für Psychologie an der University of California auf, trägt Windel und Latzhose, liebt Pizza und Cheeseburger und ist auch einem Gläschen Champagner nicht abgeneigt. Sam wird domestiziert und wie ein menschliches Kleinkind behandelt. Das Ziel Schermerhorns: er will beweisen, dass Schimpansen mit Menschen in Form von Gebärdensprache kommunizieren können. Ein Spracherwerbsprojekt, in dem Sam die Hauptrolle spielt.

Und dann tritt Aimee ins Leben des Wissenschafters und des Schimpansen. Aimee Willard, eine zurückhaltende, schüchterne Studentin mit wenig sozialen Kontakten, bewirbt sich bei Schermerhorn, der Hilfskräfte zur Unterstützung bei der Betreuung Sams sucht. Eine Begegnung, die das Leben aller Beteiligten für immer verändern sollte. Ein Anfang wie im Märchen: zwischen Sam und Aimee entsteht sofort eine tiefe Beziehung, und Aimee kann sich ein Leben ohne den Schimpansen, der biologisch noch ein kleines Kind ist, aber bereits über gewaltige Kräfte verfügt, bald nicht mehr vorstellen. Auf der Ranch entsteht eine kleine Familie, in der letztlich aber alles dem Willen Sams unterworfen ist. T.C. Boyle schildert ein beinah harmonisches Leben, in dem Sam allerhand Streiche spielt, mitunter jedoch auch bösartig sein kann, Eis isst und in im Roman eingebauten Sequenzen selbst zu Wort kommt. In diesen berührenden Passagen nehmen wir Anteil an Sams Gedankengängen, in denen er Vorgänge rekapituliert und Situationen analysiert. Inhaltlich soll an dieser Stelle nicht allzu viel verraten werden.
Eines ist jedenfalls gewiss: Sam ist sich seiner bewusst und er denkt zielgerichtet.

Doch dann erscheint eine Studie, die angeblich beweist, dass Schimpansen zum Spracherwerb nicht fähig sind. Und es kommt, wie es kommen muss: der eigentliche Besitzer Sams, der wenig schmeichelhaft gezeichnete Dr. Moncrief, erklärt Guys Projekt für beendet und lässt Sam in sein Institut bringen. Dort soll er gemeinsam mit anderen Artgenossen als Versuchstier für die Aids-Forschung dienen. Doch er hat nicht mit der Leidenschaft Aimees gerechnet, ihrer Hingabe für Sam, der längst mehr für sie geworden ist, als ein Menschenaffe, der die Gebärdensprache erlernen soll. Sie würde alles für Sam tun würde, und kann daher dieses Wegsperren Sams nicht zulassen. Sie fasst einen folgenschweren Entschluss und entführt ihn aus der Gefangenschaft. Die Befreiung Sams und die anschließende Flucht münden in einen spektakulären Roadtrip, im Laufe dessen sich Aimee und Sam einer Vielzahl an Stolpersteinen und anderen Unwägbarkeiten ausgesetzt sehen.
Ob die Geschichte für alle Beteiligten gut ausgehen kann?
Das müssen Sie selber herausfinden. Tauchen Sie ein in das Universum von T.C. Boyle.

Eines steht jedenfalls fest: Schimpansen sind auch nur Menschen.

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Sprich mit mir

T.C. Boyle
Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren
Hanser Verlag | 2021
352 Seiten
ISBN 978-3-446-26915-6