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Ein Stadtmensch im Wald

Ein Mensch aus der Stadt flieht vor der Pandemie in den Wald. Ein kurzes Aussteiger-Stück mit Auftritten von Waschbären, Rehen, Vögeln und einem räudigen Fuchs.

Kennen Sie den? Kommt ein Mensch aus der Stadt in den Wald und trifft einen Waschbären.

So könnte tatsächlich ein Witz beginnen. Einer, in dem ein tollpatschiger Stadtbewohner auf wilde, ungezähmte Natur trifft und dort nur eines kann: kläglich scheitern und das zum Gaudium der Zuhörenden. Pointe gerettet.

Nein. Nicht so in diesem Buch. H. D. Walden hat nicht vor, diesen Menschen, dem die Natur zunächst wie ein Fremdkörper gegenübersteht, bloßzustellen. Vielmehr führt er ihn hinein in die Wildnis der Ruppiner Wälder Brandenburgs und lehrt ihn die Koexistenz mit allerlei Getier, das da kreucht und fleucht.

Am Anfang war die Pandemie. Wie könnte man allen Gefahren, die sie birgt, besser entfliehen als an einem Ort weit weg von jeglicher menschlicher Ansiedelung. Social Distancing ist in einem Wald fernab der Zivilisation problemlos möglich, auch herrscht kein Maskenzwang. Und so fasst unser Erzähler den Entschluss, sich für einige Zeit in die Einsamkeit und Stille des Ruppiner Wald- und Seengebiets zurückzuziehen. Eine einsame Gegend, in der die Tiere Menschen nicht kennen, sondern sie für verrückte Kühe halten. Es trifft sich ausgezeichnet, dass ein Freundin in diesen Wäldern eine Datsche besitzt, in die er nun einzieht. Einzige Voraussetzung: er muss die Vögel füttern, das rosenknospenfressende Reh verscheuchen und sich um einen räudigen Fuchs kümmern, der immer um die Hütte streift.

Und so nimmt die Beziehung des Menschen aus der Stadt mit den Tieren des Waldes ihren Anfang. Langsam lernt unser naturblinder Held zunächst die Vögel der Umgebung kennen, die er mithilfe einer Vogelbestimmungs-App identifiziert. Bald kann er Kohlmeisen von Mönchsgrasmücken unterscheiden, auch ein Dompfaff geht nahe der Hütte auf Nahrungssuche, ein Kleiber mischt sich unter das gefiederte Volk. Der Mann, den es in die unbekannte Natur verschlagen hat, beginnt die Vögel zu füttern, hängt Meisenknödel in die Bäume, beginnt die Tiere, die täglich angeflattert kommen, zu verstehen und entdeckt unterschiedliche Charaktereigenschaften an ihnen, taucht langsam ein in die Natur, die ihn umgibt.

… und während andere Home Office machten, machte ich Wood Office, und dazu gehörte nun mal das Vertreiben von Nebelkrähen mit Besenstielen.

Und die Begegnungen mit den Tieren häufen sich. Der zu Beginn erwähnte Waschbär drängt sich in sein Leben, ein Tier zu dem im Laufe des Buches ein ganz besondere Beziehung entsteht, auch der räudige Fuchs zieht seine Runden. Eigentlich sollte er ihn nicht füttern, der Fuchs wird die Krankheit nicht überleben, vielleicht ist es bloß ein Hinauszögern, wenn er sich um ihn kümmert. Und dennoch versucht unser Naturbanause, dem die Einsamkeit der Wälder aber langsam zu gefallen scheint, auch diesem Fuchs ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Mit zunehmender Dauer des Aufenthalts im Wald verändert sich die Wahrnehmung unseres urbanen Helden. Die Zeit verläuft anders, der Blick auf die Welt dreht sich, Prioritäten ändern sich.

Kontakte mit Menschen bleiben die Ausnahme. Die Freundin, Besitzerin der Hütte, kommt zu Besuch und eines Nachts vermeint unser Stadtmensch einen Schuss zu hören. Ein Jäger, ein Wilderer? Er versucht, den Schützen zur Rede zu stellen, nicht zuletzt weil er Angst um ‘seinen’ Waschbären hat. Ein Tier, das er trotz anfänglicher Kommunikationsprobleme ins Herz geschlossen hat.

Wieder was gelernt im Wald: Du sollst nicht mit ausgestrecktem Zeigefinger vor dem Maul eines Waschbären rumfuchteln.

Und so schleicht unser Erzähler mehrfach zum Hochsitz, von dem der Schuss gefallen sein muss, wie er vermutet. Doch es bleibt ein fruchtloses Unterfangen.

Ein schönes kleines Buch, das die Leserin, den Leser mitnimmt auf eine unspektakuläre, aber trotzdem inhaltsreiche Reise des Erzählers, der aus seiner Wohlfühlzone ausbricht um ein überschaubares Abenteuer in der ‘Wildnis’ des deutschen Waldes zu erleben. Und es zeigt, wie aus einem Menschen, der der Natur zunächst skeptisch gegenübersteht, ein Naturliebhaber werden kann. Und so lautet denn auch der letzte Satz, nachdem der Erzähler noch einen kurzen Blick auf ein Reh wirft, das auf dem Weg steht, auf dem er den Wald verlassen wird, und in seine Richtung blickt:

Ich komme wieder.

Apropos Erzähler. Wem der Name des Autors H.D. Walden ein wenig merkwürdig anmutet, weil er doch sehr an Henry David Thoreau und sein bekanntes Aussteiger-Buch ‘Walden – Life in the Woods’ erinnert: hinter dem Pseudonym H. D. Walden verbirgt sich der in Berlin lebende Schweizer Schriftsteller Linus Reichlin.
Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die charmanten Illustrationen, die das Buch durchziehen. Luftig und mit leichter Hand zu Papier gebracht zeigt uns Elisa Rodriguez Scasso den geliebten Waschbären, die Vögel und Blätter des Waldes, das Reh und den räudigen Fuchs. Illustrationen, die den Text Linus Reichlins kongenial begleiten.

Ein Stadtmensch im Wald

H. D. Walden
Galiani Verlag
ISBN: 978-3-86971-242-0

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