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Samtgelb bis Magentarot

Naturlyrik war gestern, Nature Writing ist heute. Wie die poetische Naturwahrnehmung vom Unsichtbaren schreibt und die Gegenwart sieht, lässt sich in Marion Poschmanns feinem Text über Blätter und Bäume entdecken.

Der Text beginnt wie ein Infotext in einem Reiseführer. „In den Neuenglandstaaten und Kanada machen sich jedes Jahr im Herbst unzählige Menschen auf in die Wälder, um die Laubfärbung zu sehen.“ Leaf peeping heißt diese Unternehmung. Vor meinem inneren Auge sehe ich Menschen, die mit Lupe oder Fernglas bewaffnet ausschwärmen, um Blätter an Bäumen in Augenschein nehmen. Das skurril anmutende Bild verschwindet, als die Rotvarianten des Zuckerahorns aufgerufen werden und klar wird: Hier geht es um Sensibilisierung. „Wer nach rotem Laub Ausschau hält, würdigt auch andere Farbphänomene, sieht orangene Kürbisse, violette Beeren, selbst rötliche Hölzer mit anderem Blick.“

Dieser andere Blick ist es, der Marion Poschmanns Naturessay mit seinem harmlos scheinenden Auftakt zu einem kritischen Kurztext macht. Als solcher wurde er 2018 mit dem WORTMELDUNGEN-Literaturpreis der Crespo Foundation ausgezeichnet. Die Auslobung gilt kurzen Texten „zu einem aktuellen Thema von gesellschaftspolitischer Relevanz“. Verbunden ist er mit einem Förderpreis an Nachwuchsautor*innen, die Antworten auf den Text der Preisträgerin schreiben. Deren Aufruf lautet: „Vom Unsichtbaren schreiben, die Gegenwart sehen. Wie tritt der Klimawandel in Erscheinung?“

„Vom Unsichtbaren schreiben, die Gegenwart sehen.“

Damit ist der Kernsatz formuliert, mit dem sich „Nature Writing“, das „Natur schreiben“, als alte-neue Form der poetischen Naturwahrnehmung charakterisieren lässt. In der amerikanischen Literaturgeschichte blickt diese Gattung auf eine lange Tradition, und in der Gegenwart sind ihre herausragenden Vertreter*innen, wie Robert Macfarlane oder Helen Macdonald, englischsprachige Autor*innen. In der deutschsprachigen Literatur haftet ihr der Hauch romantisch-eskapistischer Sehnsucht nach Idylle an, mit der Bertolt Brecht in einer Verszeile seines Gedichts „An die Nachgeborenen“ nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig Schluss machen wollte: Ein „Gespräch über Bäume“ setzte er gleich mit dem „Schweigen über so viele Untaten“. Erst mit der Umweltbewegung ab den 1980er Jahren wurde Natur wieder Gegenstand von Literatur, verlor aber mit dem politischen Akzent an künstlerischer Feinheit.

Marion Poschmann markiert mit ihrem Schreiben ein „New Nature Writing“ in der deutschsprachigen Literatur, das sie selbst lieber „Naturdichtung“ nennt, geht es doch darum, „genaue Beobachtung mit Sorgfalt und Konzentration im Ausdruck zu verbinden“.

„Nature Writing geht mit einer Verfeinerung der Wahrnehmung einher, und diese Sensibilität, sowohl der Welt als auch der Sprache gegenüber, trägt dazu bei, sorgsamer mit dem umzugehen, was wir gewöhnlich unter ‚Natur‘ subsumieren.“

Marion Poschmann: Laubwerk. Berlin: Verbrecher Verlag, 2021, S. 50.

Der Bericht über die Laubschau in Amerika und Asien öffnet uns die Augen dafür, wie privilegiert wir Europäer*innen in unseren (noch) gemäßigten Breiten sind: Das Farbspektakel präsentiert sich verlässlich jeden Herbst vor unserer Haustür. Denn nur sommergrüner Laubwald bietet es, nicht all der andere grüne Wald, den es sonstwo auf der Erde gibt. Die spitze Feder bohrt sich tief ins deutsche Herbstlaub: Es „ist unerwünscht, stört den Tagesablauf und enthält allergieerregende Schimmelpilze.“ Das Phänomen ‚Goldener Oktober‘ ist hierzulande nicht an sinnliche Ekstase, sondern „unauflöslich an Alkoholkonsum gekoppelt“. Wahrlich unromantisch.

Unser lesendes Auge, das soeben den ‚Indian Summer‘ genoss und Freiheit, Weite, Abenteuer assoziierte, wird aus der Ferne mitten hinein ins feinstaubbelastete Zentrum von Berlin gelenkt. Hier steht der Straßenbaum, dem in der Kulturgeschichte zwischen Prachtstraße (Unter den Linden) und Kleinbürgertum (Birkenstraße) eine prägende Rolle zukommt. Doch die Schönheit der Kastanienkerzen, der Duft der blühenden Linden ist nicht mehr zeitgemäß: „Ein guter Stadtbaum ist unempfindlich gegen Abgase, er kann Klimaschwankungen tolerieren, er ist robust.“ Er ist gemacht von uns, den Menschen, die sich ihre Natur herrichten, Spiegelbild des Anthropozäns.

Kathedrale der Sinne: der Stadtbaum im Anthropozän

Der genaue Blick der Naturdichterin leuchtet die braunen Ränder des Eichenlaubs ebenso aus wie das ornamentale Blattwerk in Baukunst und Zimmerschmuck. Er streicht über das „Rankenwerk um Initialen, Illuminationen aus Zweigen, aus Bäumen“ der Buchkunst, vertieft sich in das Wuchern der Worte rund um das wogende Laub. Er steift durch den deutschen Wald und seine Dichtung, bringt Naturästhetik in Stellung gegen die Ökonomie des vermeintlich unbegrenzten Wachstums. Er zeigt uns den Wert jenes Unsichtbaren, das unser Lebensatem ist.

Das rauschende Crescendo dieser wundersamen Naturdichtung kulminiert im Aufruf der Romantik: „Die Welt muß romantisiert werden.“ Verstanden wird der Novalis-Satz „als Forderung der Vernunft, die Fragilität und Einzigartigkeit lebender Wesen wahrzunehmen und ihnen mit Freundlichkeit und Respekt zu begegnen.“ Es ist der Ruf nach einer neuen Aufklärung.

„Wenn wir die Natur bewahren und eine ökologische Katastrophe verhindern wollen, ist eine neue Romantisierung der Welt, eine poetische Naturwahrnehmung unumgänglich. Es geht dabei nicht um sentimentale Verklärung, es geht um die grundlegenden Tatsachen unserer Existenz.“

Marion Poschmann: Laubwerk. Berlin: Verbrecher Verlag, 2021, S. 44.

Es lohnt sich, Marion Poschmanns preisgekrönten Text in der feinen kleinen Ausgabe des Verbrecher Verlages zu lesen. Sie lässt diesen fein ziselierten Text über Baumwahrnehmung auch sinnlich erleben, im Kleinen das Große erkennen, im „geistigen Garten“ flanieren, im „Raum der Schrift“.

Ergänzt ist der Text um ein Gespräch mit der Autorin, das wertvolle Einordnung und aufschlussreiche Vertiefung bietet. Das gilt auch für die Laudatio von Christine Lötscher, die die Würdigung des Textes von Marion Poschmann als „ein Bekenntnis zur poetischen Wahrnehmung und Gestaltung von Wirklichkeit“ bezeichnet. Denn die ästhetische ist immer auch eine ethische Haltung. Auch das also ist Leef peeping, Laubschau als Laubwerk.

Weiterführende Infos:

  • Zum deutschsprachigen „New Nature Writing“ siehe den von Gabriele Dürbeck und Christine Kanz herausgegebenen Sammelband Deutschsprachiges Nature Writing von Goethe bis zur Gegenwart. Kontroversen, Positionen, Perspektiven. Berlin: Metzler/Springer, 2020.
  • Der Text von Marion Poschmann lässt sich auch auf der Webseite des Wortmeldungen-Literaturpreises finden. Im Sinne der ästhetischen Baumwahrnehmung raten wir dringend zur Buchausgabe als Erlebnisraum.
  • Eine ergänzende Lektüre bietet die Rede von Marion Poschmann zur Verleihung des Deutschen Preises für Nature Writing 2017, die Teile des Essays aufnimmt und gedanklich weiterführt (in: Dritte Natur Nr. 1, H. 1, S. 114–133).
  • Wer noch mehr Bäume mittels Marion Poschmanns Sprachkunst entdecken möchte, der*dem sei ihr Roman Die Kieferninseln (2017) ans Herz bzw. vor die Lupe gelegt. Vorsicht, Suchtgefahr.

Marion Poschmann

Laubwerk

Mit einem Vorwort von Sandra Poppe und Christiane Riedel sowie der Laudatio auf die Wortmeldungen-Preisträgerin von Christine Lötscher

Berlin: Verbrecher Verlag, 2021

ISBN 978-3-95732-489-4

Fotos in diesem Beitrag: Carmen Sippl

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